Mein Körper ist keine Großbaustelle

Oder: Warum wir manchmal eine neue Story über uns selbst brauchen.

Vor kurzem habe ich wieder mal eine Antara-Stunde mit einer völlig neuen Gruppe unterrichtet, nur eine Teilnehmerin kannte mein Training bereits. Für mich war es eine ganz normale Einsteiger-Stunde. Natürlich mit überwiegend Basic-Übungen, damit alle gut hineinfinden konnten, aber auch mit dem Anspruch, den ich grundsätzlich an mein Training habe. Einfach heißt bei mir bekanntermaßen nicht unbedingt leicht, denn gerade in den Basics steckt oft wunderbar viel Potenzial.

Es war ruhig, wie eigentlich immer in meinen Stunden. Die Teilnehmer*innen waren konzentriert mit sich und ihren Bewegungen beschäftigt, es gab wenig Rückmeldungen zwischendurch und ich hatte den Eindruck, dass alle ganz gut beschäftigt waren. Nach der Stunde passierte dann etwas Schönes. Gleich mehrere Teilnehmer*innen kamen auf mich zu, um mir von ihren Erfahrungen zu erzählen. „Ich fühle mich viel größer!“, war eine der ersten Rückmeldungen. Eine andere Teilnehmerin meinte, dass es "irgendwie" wirklich gutgetan habe, obwohl es doch anstrengend gewesen sei. Es entwickelte sich eine schöne Plauderei. Ich hüpfe innerlich immer, wenn Menschen sich über die erlebten "Sensationen" freuen. Ein paar Sätze kamen vor, die mich besonders berührt haben und über die ich seitdem nachdenke. Sie beschrieben meine Art der Anleitung, um die Sprache, mit der ich die Übungen begleite, und vor allem um das Gefühl, das dabei entsteht.

Ungefähr so: Deine Anleitung ist auf eine ganz eigene Weise motivierend. Man fühlt sich nicht mangelhaft, wenn man etwas nicht gleich kann. Im Gegenteil, man bekommt eher das Gefühl, dass da noch ganz viel in einem steckt, das man vielleicht einfach wiederfinden könnte. Und eine andere Frau ergänzte sinngemäß, dass sie diesen wertschätzenden Blick auf den eigenen Körper in Trainingsstunden gar nicht kenne.

Daraus entwickelte sich ein richtig schöner Austausch unter uns allen. Wir sprachen darüber, wie selbstverständlich wir unseren Körper oft als etwas betrachten, an dem ständig gearbeitet werden muss, weil immer irgendetwas nicht passt. Zu wenig hier, zu schlecht da und irgendwo zu viel - auf jeden Fall klingt es meist nach körperlichem Defizit und Raparaturbedarf. Und während wir darüber sprachen, wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr wir uns an dieses Bild gewöhnt haben.

Als wäre unser Körper eine einzige Großbaustelle.

Dabei ist es doch eigentlich erstaunlich, was dieser Körper jeden Tag für uns leistet, wie anpassungsfähig er ist und wie viele Möglichkeiten in ihm angelegt sind, von denen wir oft gar nichts mehr wissen.

Warum sollte ich meinen Teilnehmer*innen erst einmal erklären müssen, was alles nicht mit ihnen stimmt, um sie dann zum Training zu überreden? Ich kann doch auch davon ausgehen, dass der Körper von Natur aus über große Potenziale verfügt. Fähigkeiten, die ich durch Bewegung, Aufmerksamkeit und Übung wieder spürbar machen und weiterentwickeln kann.

Ich finde diesen Unterschied ziemlich wesentlich - und nicht nur den Körper betreffend.

Wenn mir etwas schwerfällt, kann ich das als Beweis dafür nehmen, dass ich zu schwach, zu unbeweglich oder eben nicht gut genug bin. Ich kann aber auch interessiert nachspüren, neugierig werden und mich fragen, was ich gerade brauche. Vielleicht etwas mehr Kraft, vielleicht eine andere Ausrichtung, vielleicht strenge ich mich an der falschen Stelle (zu viel) an oder ich brauche eben noch ein bisschen mehr Übung, weil es noch ungewohnt ist.

In meinen Stunden versuche ich deshalb, die Aufmerksamkeit immer wieder auf das zu lenken, was gerade wahrnehmbar ist. Auf den Atem, auf die Spannung, auf das Zusammenspiel verschiedener Körperbereiche und auf spürbare Veränderungen, die manchmal schon durch eine kleine, präzise Anpassung entstehen. Dabei geht es nicht darum, alles möglichst angenehm oder mühelos zu machen. Anstrengung soll ja sein, manchmal sogar ziemlich viel davon. Aber sie darf eben nicht mit dem Gefühl verbunden sein, gegen den eigenen Körper, gegen mich selbst, arbeiten zu müssen.

Für mich ist meine Art Übungen anzuleiten über die Jahre natürlich selbstverständlich geworden. Und es war toll, von neuen Teilnehmern so direkt zu hören, was bei ihnen ankam. Wie so oft habe ich wieder von meiner Vorstellung des Körpers als Kunstwerk im Prozess erzählt und wir haben gemeinsam festgestellt: Ein Kunstwerk im Prozess ist nie fertig, muss es auch nicht sein. Es verändert sich, entwickelt sich weiter und ich darf mitgestalten. Nicht weil es vorher mangelhaft war, sondern weil die Entwicklung immer weitergeht.

Was mich gestern besonders gefreut hat, war deshalb nicht nur, dass sich jemand nach einer Stunde größer, aufrechter oder wohler gefühlt hat. Es war vor allem dieser Moment, in dem aus den körperlichen Erfahrungen plötzlich ein gemeinsames Nachdenken über unser Selbstbild entstand.

Als hätte sich mit den Übungen nicht nur etwas am Körper getan, sondern auch am Blick auf den eigenen Körper und auf sich selbst. Auf das eigene Potenzial und die Geschichten, die wir uns darüber erzählen. Denn wir erzählen uns und anderen ja ständig Geschichten darüber, wer wir sind, was wir können und was uns fehlt. Diese Geschichten beeinflussen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wie wertschätzend wir uns selbst gegenüber sein können und welche Möglichkeiten wir überhaupt in Betracht ziehen.

Warum also nicht auch einmal eine andere Geschichte über uns selbst erzählen?

Gestern bin ich mit dem schönen Gefühl nach Hause gegangen, dass wir nicht nur miteinander trainiert, sondern auch ein kleines Stück an einer neuen Story über uns gearbeitet haben - wie schön ist das! 😉

Was sind deine Gedanken oder Erfahrungen dazu - ich freue mich, wenn du sie mit mir hier per E-Mail teilst.

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Mein Körper – ein Kunstwerk im Prozess