Meine häufigste Lüge

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel gelesen, in dem stand, dass die häufigste Lüge der Welt wahrscheinlich ein kleines Häkchen ist: „Ich habe die AGB gelesen.“ Wir klicken das Kästchen an und wissen gleichzeitig ziemlich genau, dass wir die Bedingungen meist nicht mal überflogen haben.

Heute Morgen im Wald wurde mir meine ganz persönliche Version der kleinen Alltagslüge klar. Meine beginnt meist mit zwei einfachen Worten: „Ich bin …“

Heute war das: „Ich bin im Wald“ und das stimmte eigentlich nicht. Mein Körper war zwar im Wald, der Rest von mir war irgendwo anders unterwegs: bei einem Gespräch von gestern, bei einer Idee für nächste Woche, beim Planen, Überlegen und Vorausdenken. Mein Körper bewegte sich zwischen den Bäumen, meine Aufmerksamkeit jedoch machte eine ganz andere Morgenrunde.

Dieser Moment hat mich an einen Begriff erinnert, den ich bei Gay und Katie Hendricks gelernt habe und den ich seither auch in meiner Arbeit nutze: präsenzen. Ich mag dieses Wort, weil es etwas ausdrückt, das im deutschen Wort Präsenz leicht verloren geht. Präsenz klingt wie ein Zustand. Als gäbe es Menschen, die präsent sind, und andere eben nicht.

Präsenzen dagegen ist ein Verb.

Es beschreibt etwas, das wir immer wieder tun können. Es ist kein Ort, an dem wir irgendwann ankommen und dann dauerhaft bleiben. Es ist etwas, das wir ständig wählen können. Eine kleine Bewegung der Aufmerksamkeit. Ein immer wieder wählen zurückzukehren, wenn wir bemerken, dass wir gerade nicht präsent sind.

Wenn ich also bemerke, dass gerade nur mein Körper im Wald ist, geht es nicht darum mich deswegen zu kritisieren. Das hilft niemals weiter. Veränderung kann ganz einfach damit beginnen, dass ich es bemerke. Dann kann ich wählen mich wieder zu präsenzen: den nächsten Schritt wirklich spüren, meinen Atem wahrnehmen, die Bewegung, meinen Körper, den Boden unter meinen Füßen…

In meiner Arbeit erlebe ich oft, dass Menschen glauben, sie bräuchten ständig neue Übungen, neue Methoden oder neue Herausforderungen. Dabei sind es meist gar nicht Abwechslung oder Motivation, die verlorengegangen sind. Was häufig fehlt ist eine wache Aufmerksamkeit, das Gefühl, wirklich bei sich zu sein. Es gibt viele einfache Möglichkeiten und auch konkrete Übungen sich zu präsenzen - das ist keine hohe Wissenschaft sondern eine angeborene, natürliche Kompetenz, die es gilt wieder zu entdecken.

Je mehr wir uns präsenzen, desto lebendiger wird selbst die einfachste Bewegung. Plötzlich entdecken wir Unterschiede, die vorher nicht spürbar waren. Der Körper beginnt zu erzählen und aus einer Wiederholung wird eine Erkundung.

Der Körper wiederholt sich nicht. Kein Atemzug gleicht dem nächsten. Kein Schritt, keine Gewichtsverlagerung, keine Bewegung ist jemals völlig identisch. Ob das nun eine Übung im Antara oder im Coaching ist - heute, hier und jetzt kann meine Erfahrung einzigartig sein. Je präsenter ich bin, desto mehr entdecke ich.

Auch ich habe mir heute Morgen im Wald nichts Neues beigebracht. Ich habe mich nur daran erinnert, wieder dort anzukommen, wo ich meine Lebendigkeit finde.

Hast du selbst Erfahrungen dazu, oder Fragen? Dann schreib mir eine E-mail 📧

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…ich war dann mal anhalten.