Vielleicht geht es für mich gar nicht um Mut.
Immer wieder, wenn Menschen mit mir über Marketing sprechen, höre ich: „Du brauchst mehr Sichtbarkeit. Du musst mehr posten. Social Media – viel zu unregelmäßig. Newsletter – viel zu selten.“ Ich nicke dann, stimme zu und weiß schließlich, „man macht das heute so“.
In mir drin finde ich bis jetzt kein echtes Ja dazu. Also läuft es weiter wie bisher. Ab und zu lese ich wieder etwas über Marketing und abonniere ein paar wenige, inspirierende Newsletter. Heute landete wieder einer davon in meinem Postfach. Und er war wirklich inspirierend.
Die Autorin – sie bietet Seminare zum Thema Video an – schreibt darüber, wie viel Mut es oft braucht, sich vor der Kamera zu zeigen. Über die Angst vieler Menschen, sichtbar zu werden. Sie schreibt auch über ihre eigenen Ängste und Vorstellungen. Sie wünscht sich manches Mal weniger angepasst zu sein. Auch mal anzuecken. Die eigenen Gedanken klar auszusprechen. Gegenwind auszuhalten. Ablehnung nicht zu fürchten. Vieles davon kann ich gut nachvollziehen und gleichzeitig merkte ich beim Lesen, dass sich in mir etwas anderes bewegt. Und das ist nicht unbedingt Mut.
Während ich mir Tee koche, überlege ich, dass ich an so einigen Stellen meines Lebens mutig war. Ich habe mich ab und zu fürs Risiko entschieden, auch wenn nicht klar war, wie es sich entwickeln würde. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich klärende Worte fand oder wichtige Fragen stellte, obwohl es schwer war. Sicher habe ich manchmal Federn gelassen aber auch sehr viel Stärkung erfahren.
Und ja, ich kenne inneren Sätze wie diese nur zu gut:
• Jetzt lieber nichts sagen.
• Jetzt einfach (r)aushalten.
• Jetzt nur nicht anstrengend sein.
• Jetzt bloß nicht zu direkt werden.
Wenn ich diese Sätze nochmals lese, wird mir bewusst, wie selbstverständlich sie im Alltag erscheinen. Wie sie einen kalten Keil treiben zwischen dem, was mein Inneres mir signalisiert, und dem, was ich glaube, im Außen erfüllen zu müssen. Und ich spüre, wie etwas in mir enger wird. Wie Spannung entsteht. Wie ich mich ein Stück von mir entferne.
Doch ist das wirklich eine Frage von Mut? Mut definieren wir oft mit „Angst überwinden oder bekämpfen – und trotzdem tun“. Das klingt nach Kraftaufwand, Widerstand und birgt etwas sehr Kämpferisches in sich.
Vielleicht geht es mir weniger darum, mutiger zu sein, sondern mir selbst treu zu bleiben. Und genau hier kommt das Wort Integrität ins Spiel. Integrität bedeutet für mich meine Wahrheit auszusprechen, auch wenn sie nicht allen gefällt. Nicht gegen andere(s), sondern für mich zu sprechen.
Natürlich kann Integrität Mut erfordern, aber der Antrieb ist ein anderer. Mut sagt: „Ich traue mich trotzdem.“ Integrität sagt: „So bin ich, so mache ich das, um mir selbst zu treu zu bleiben.“
Mit jedem Schluck Tee und diesen Gedanken wird es wieder weicher und wärmer in mir. Denn wenn ich integer bin, wird Mut oft zur Nebensache. Dann tue ich etwas nicht, weil ich mich überwinde – sondern weil es sich stimmig anfühlt. Weil es mich besser atmen lässt und ich mich freier und lebendiger empfinde.
Und was das Marketing angeht, bleibt es wohl noch eine Weile bei: „Du brauchst mehr Sichtbarkeit…“ und den Weiterempfehlungen meiner Kund*innen – besseres gibt’s eh nicht.